Ist die Welt, in die wir steuern, jene, die wir erleben wollen?

Hundert Wissenschaftler aus Berlin und Potsdam präsentierten am 7. Oktober im Berliner Kosmos in je drei Minuten ihre aktuellen Forschungen. Bürgermeister Michael Müller spricht motivierende Worte zur Zukunft Berlins, und Sebastian Turner, Herausgeber des Tagesspiegels, erzählt von Glücksmomenten, die er mit Berliner Professoren gehabt habe, als diese ihm Lösungen für (nicht genannte) Probleme präsentierten – damit war der Grundstein für die Veranstaltung gelegt. Ein kleiner Roboter assistiert den Moderatoren und weist das Publikum an, zu applaudieren oder die wenigen Zeitüberzieher durch Applaus abzupfeifen.

Ich höre Lösungen zu allem Möglichen – hier ist eine Auswahl:

  • Computergesteuerte Taxis, die sich fahrerlos im Verkehr zurechtfinden und jederzeit Passagiere aufnehmen und absetzen können.
  • Digitalisierung alter Stoffmuster, die u. a. zur Rekonstruktion historischer Gebäude genutzt werden.
  • Smart City – die Digitalisierung der Wirtschaft und der Verwaltung und wie dadurch Strukturen verbessert werden.
  • Zukünftige Be- und Ausleuchtung von Städten, welche Lichtquellen einspart und die Intensität und Reichweite vorhandener Lichtquellen erhöht.
  • Vernetzung sämtlicher Verkehrsmittel, die ad hoc von den Benutzern ausgewählt und kombiniert werden können – womit die Fahrkarte ins Museum gehöre.
  • Entmystifizierung menschlicher Erfindungen, weil deren Abgleich ergibt, dass Bekanntes jeweils auf neue Weise modelliert worden ist – so wurde das Rad erfunden, indem bereits vorhandene Kufen an Schlitten und ebenfalls genutzte runde Steinscheiben kombiniert wurden.
  • Vorübergehende Verkleinerung großer Datenmengen, damit diese schneller von einem Nutzer zum anderen übertragen werden.
  • Ein Mobilfunknetz, das funktioniert, ohne den Standort seiner Nutzer zu orten.
  • Krankenwagen mit Computer-Tomographen, die Schlaganfallpatienten die Zeit zur Operation verkürzen und dadurch ihre Genesungschancen verbessern.
  • Diagnose von Gelenken, auch künstlichen, die genau ermittelt, welche Belastung in welcher Form auf das Gelenk gegeben werden darf.
  • Apps, die Menschen in allen möglichen Katastrophenfällen anleiten, wie sie sich verhalten sollen.
  • Selbstbehalt von Daten, statt diese in die Cloud auslagern zu müssen.

In der Kaffeepause über zwei herrlichen Stückchen Kuchen schießt ein Gedanke durch meinen Kopf und heftet sich darin fest: Ich habe noch kein Wort zu Ursachen und Zielsetzungen gehört. Alle sprechen über digitale Lösungen, und ich verstehe, dass es Freude macht, herumzutüfteln und das technisch Machbare zu verwirklichen. Doch wäre es auf vielen Gebieten nicht sinnvoller, an den Ursachen zu arbeiten, als die Folgen zu beheben, z. B. bei Erkrankungen, die auf ungesunden Lebenswandel zurückgehen?

Digitale Lösungen statt Ursachenbehebung sind keine Lösung

Ein weiteres Beispiel fällt mir dazu ein: Ein Vortrag erläutert, wie Psychotherapie über das Internet traumatisierten Menschen in Krisengebieten angeboten wird. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welch großen Schritt es bedeutet, die Therapie von der Couch zu lösen und zu den Menschen zu bringen, die nicht zur Therapie kommen können. Doch statt Menschen zu helfen, ihre Kriegstraumata zu verkraften, sollten wir nicht lieber dafür sorgen, dass sie diese Traumata nicht erleiden? Sind also in diesem Fall nicht politische Lösungen gefragt?

Und für welche Lebensform – dies ist mein zweiter Gedanke – suchen wir all diese digitalen Lösungen überhaupt? Allen Rednern kommen die Begriffe Industrie 4.0, Wirtschaft 4.0, Arbeit 4.0 oder Gesellschaft 4.0 ohne Zögern oder Schaudern über die Lippen. Einer mahnt an, dass das Menschliche bei der Digitalisierung nicht vergessen werde. Auch der Schutz gegen Datenmissbrauch spielt eine Rolle. Doch die digitale Revolution scheint gemacht.

Ist es aber unser Wunsch, nach den Wearables (tragbaren Computern), die, wie die Apple Watch, gerade den Markt erobern, Implantate zu tragen? Welches Leben werden wir damit führen? Welche Gedanken, Gefühle, Lebensentscheidungen sind uns dann noch möglich? Er sähe Autos in langer Reihe gleichmäßig durch die Stadt fahren, hat vor wenigen Stunden ein Professor geäußert. Was wird aus unserer Individualität? Was aus den Emotionen, die wir auf allen möglichen Lebensgebieten heute noch fühlen und ausleben? Wieso thematisiert niemand unter den Wissenschaftlern vorrangig diese Antworten, frage ich mich.

Kennen wir nicht von der Atomwissenschaft genau dieses: Eine Erfindung wird gemacht und die Menschheit setzt sie ein, ohne reif dafür zu sein. Sind wir reif genug für 4.0, 5.0? Sind wir reif genug, Fluch und Segen der digitalen Revolution zu unterscheiden? Ist es Gedankenlosigkeit, Müdigkeit, Resignation, dass wir unsere Selbstbestimmung auf Maschinen übertragen, bevor unsere menschliche Selbstbestimmung überhaupt zur Blüte gelangt ist?

Das Maschinenzeitalter geht auf Kosten der menschlichen Individualität

Warum erdenken wir keine Alternativen? Damit plädiere ich nicht für Technikverzicht und Rückkehr zur Steinzeit. Doch liegen manche Fähigkeiten, die wir gegenwärtig auf die digitale Technik übertragen, nicht in uns selbst? Schneiden wir uns unsere noch nicht erkannten geistigen Möglichkeiten ab, indem wir Aufgaben bevorzugt an Maschinen delegieren?

Wir würden uns, wenn sich verwirklicht, was aktuell getestet wird, sagen lassen, was wir wann in welcher Menge essen und trinken, wie wir uns wann mit welcher Intensität und Dauer bewegen, und sicher auch, wann und wie lange wir schlafen. Die Kommunikation unterliegt bereits der Technik.

Finden Sie es normal, dass Menschen sich von Ihrem Navigationsgerät kilometerweit durch Städte und Landschaften leiten lassen, ohne eine Ahnung zu haben, wo sie sich befinden? Ohne mit Ihrer Umgebung noch in Kontakt zu treten, geschweige denn, sich mit ihr auseinanderzusetzen? Das Gleiche in öffentlichen Verkehrsmitteln, Cafés, Wartezimmern und auf der Straße: Die überwiegende Mehrheit ist vertieft in einen Bildschirm. Die wirklichen Menschen um sie herum werden nicht wahrgenommen, interessieren nicht. Was wird aus unseren Sinnen werden, wenn wir einander nicht mehr spüren und die reale Welt nicht mehr in uns aufnehmen? Ich weiß von einem kleinen Jungen, der dieses Jahr in Thailand in einem Kanal ertrank, weil seine Mutter sich mit ihrem Smartphone auf Facebook beschäftigte und für Minuten nicht aufpasste. Ihre panischen Schmerzensschreie könnten einmal unsere werden, wenn wir begreifen, was wir verloren haben.

Um uns herum lebt eine Tier- und Pflanzenwelt ohne ein einziges Bit in selbsterhaltender Ordnung. Wie weit haben wir Menschen uns von uns selbst entfernt, wenn wir digitale Hilfsmittel brauchen, um unsere Grundbedürfnisse artgerecht zu decken? Was unserem Wohlbefinden dient, liegt in uns selbst bewahrheitet, und nicht in Chips und Prozessoren. Auf diese wird es höchstens übertragen. Ebenso liegen in uns Fähigkeiten, die uns das erlauben, wozu wir meinen, Technik zu brauchen: Telepathie, Levitation, Materialisierung und Entmaterialisierung zum Beispiel.

Die wahren menschlichen Fähigkeiten bleiben durch digitale Technik un(ter)entwickelt

Noch werden diese als außergewöhnliche Fähigkeiten angesehen. Würden wir unsere Energie jedoch einsetzen, um uns diese Fähigkeiten anzueignen, könnten wir sie beherrschen. Dazu müssen wir aber uns selbst und die anderen fühlen, müssen uns zu einhundert Prozent konzentrieren und unseren Geist beherrschen können. Menschen hingegen, die nicht einmal wahrnehmen, welche Nahrung ihr Körper (und nicht ihr Ego!) verlangt, die sich stattdessen täglich überessen, keinen Bewegungsdrang mehr verspüren, die Wirkung von Stadt und Natur nicht mehr unterscheiden können, sind davon weit entfernt.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin nicht gegen Technik. Doch sie sollte meines Erachtens unsere menschlichen Fähigkeiten ergänzen und nicht ersetzen. Mehrfach bemerken Redner und Teilnehmer des Digital Science Match, dass Menschen, wenn ihr Smartphone ausfällt, mit depressiven Symptomen reagieren. Wir alle wollen dauernd informiert sein – über unsere persönlichen Nachrichten, über Chatbeiträge, über das Weltgeschehen oder die Börsenkurse. Sind wir von diesen Informationen abgeschnitten, werden wir unruhig und fühlen uns unvollständig. Die Kommunikationstechnik hat uns fest im Griff. Nur wer die Entzugserscheinungen überwindet, fühlt wieder, wie segensreich Stille und Abgeschiedenheit wirken, und weiß wieder, wie lebensunwichtig die meisten Informationen sind, nach denen wir gieren.

Gehen Sie mit solchen Bedenken zu den Philosophen, mögen Sie mir jetzt raten. Doch ich meine, dass wir alle überall und zu jeder Zeit diese Fragen stellen und beantworten müssen, bevor wir in ein neues Maschinenzeitalter eintreten, also solange wir diese Fragen noch stellen können und solange unsere Antwort Nein, das wollen wir nicht lauten darf und solange wir ein Nein oder ein Ja, aber umsetzen können. Wenn wir unsere Selbstbestimmung erst einmal abgegeben haben, wird es zu spät sein.

Wir haben uns an das Handy, das Notebook und das Smartphone gewöhnt und auf keiner Stufe haben wir ein Zurück erwogen. Wir werden uns auch an die Wearables gewöhnen und Implantete sind bereits auf dem Markt. Es wird auf den kommenden Stufen ebenfalls kein Zurück geben. Ist Ihnen dies bewusst?

Lachen Sie gerne? Tanzen Sie gerne? Singen Sie gerne? Tun Sie gerne verrückte Dinge und tanzen einfach mal aus der Reihe? Fühlen Sie sich wunderbar lebendig in Momenten, in denen Sie nicht in die Pflicht genommen werden, sondern einem inneren Freudetrieb folgen? Wissen Sie, wie Kinder spielen: gedankenverloren und in grenzenloser Phantasie? Wollen Sie das aufgeben dafür, dass ein Computer Ihnen sagt, was Sie wann zu tun haben, und dass ein Computer überwacht, ob Sie es auch umsetzen?

Freude und (zu viel) Technik erscheinen unvereinbar

Und was wird diejenigen erwarten, die aus der Reihe tanzen und nicht funktionieren? Hören Sie die entrüstete, nimmermüde Stimme Ihres Navigationsgeräts, wenn Sie nicht den gewiesenen Weg fahren? Hören Sie diese Stimme gerne? Ich nicht! Sie erinnert mich an meine Mutter, die verlangt, dass ich meine Zimmer aufräume, während ich lieber nach draußen zum Spielen gehen möchte zu den anderen Kindern. Wird diese Stimme die einzige Sanktion sein für jene, die nicht den Maschinen folgen? Oder wird unsere Strafe darin bestehen, dass wir Wege jenseits des digitalen Mainstreams gar nicht mehr ins Auge fassen dürfen und sie geistig nicht mehr denken können?

Ich wünsche mir, dass Sie, und zwar viele von Ihnen, möglichst alle, sich diese Fragen stellen und dass nur, wenn wir alle einhellig der Meinung sind, dass das digitale und Maschinenzeitalter unsere beste Zukunft ist, wir diesen Weg auch gehen: bewusst, eigenverantwortlich, selbstbestimmt. Und ich wünsche mir, dass wir rechtzeitig unterscheiden zwischen digitalen Lösungen, die unserer Welt dienlich sind, und solchen, die es nicht sind. Und dass wir letztere für immer in den Papierkorb verschieben. Am allermeisten wünsche ich mir, dass wir Menschen lernen, dass eine Lösung, die ebenso viel Übel wie Segen beinhaltet, nicht die wahre Lösung sein kann, so verlockend sie uns auch erscheinen mag, und dass wir es schaffen, auf solche Lösungen zu verzichten, und weitersuchen nach dem wirklichen Entwicklungsschritt, der vor uns liegt.

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