Und was wir dagegen tun können

Einsamkeit gehört zu den Zuständen, die wir alle kennen und benennen und die doch vielschichtiger sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Anders als Liebe, Freude oder Frieden, ist Einsamkeit etwas, das wir fürchten. Zwar ziehen wir uns gelegentlich ins Alleinsein zurück, doch wenn mit der Abgeschiedenheit von anderen Lebewesen einhergeht, dass wir uns einsam fühlen, vermeiden wir solche Situationen. Was tun wir, wenn uns die Einsamkeit dennoch befällt?

Was genau ist Einsamkeit? Was fühlen wir? Wir empfinden uns als abgetrennt von einem, mehreren oder allen anderen. Wir können nicht an sie heranreichen und / oder sie nicht an uns. Um uns so abgeschnitten vorzukommen, bedarf es nicht unbedingt einer räumlichen Trennung. Auch eine Störung in der Kommunikation kann uns zutiefst einsam fühlen lassen. Meistens fühlen wir dabei einen körperlichen Druck, besonders in der Magen- oder Herzgegend, und eine Leere in oder um uns.

Es ist eine beklemmende Leere, die sich wie eine unsichtbare, schwere Decke über uns legen kann. Und es ist ein Druck, welcher Tränen der Verzweiflung aus uns herauspressen möchte. Was verursacht Einsamkeit? Mehrere Auslöser kommen in Betracht und an dieser Stelle verliert Einsamkeit ihren allgemeingültigen Charakter.

Einsamkeit kann auftreten, wenn wir von etwas Bestimmtem getrennt sind: unserer Heimat, unseren Landsleuten, unserer Familie, unseren Freunden, unseren Lebenspartnern und -partnerinnen. Wenn wir in einem fremden Kulturkreis sind oder uns allein in der Natur verlaufen, wenn wir von vertrauten Menschen verlassen wurden oder jemand Nahes verstorben ist, selbst nachdem wir uns mit einem Menschen zerstritten haben, wenn uns also etwas oder jemand Vertrautes fehlt, kann dies das Gefühl der Leere und Einsamkeit in uns auslösen. In solch schmerzhaften Situationen wissen wir recht genau, was uns fehlt und wir leiden darunter, dass dieser Mensch, dieses Umfeld für uns unerreichbar ist.

Einsamkeit hat vielerlei Gründe und kann konkret oder allgemein sein

Doch Einsamkeit kann auch weniger konkret sein, nämlich dann, wenn wir generell keine intensive, gar intime Beziehung mit unserem Umfeld aufnehmen können. Hier denken wir an die Einsamkeit in Großstädten, verursacht durch ein anonymes Nebeneinander statt eines Miteinanders. Kuschelparties, Begleitservices, Kompensation durch Medien- oder Substanzenkonsum sind Folgen dieser modernen Einsamkeit. Doch selbst hier gilt es zu differenzieren: Denn von dieser Lebenssituation sind viele betroffen, die alle für sich ihren Weg finden müssen und damit wiederum Gemeinsamkeit und Leidgenossen haben.

Anders sieht es aus, wenn sich jemand grundsätzlich einsam in der Welt fühlt. Diesen Menschen geht es oft am besten, wenn sie allein bzw. mit Tieren oder Pflanzen sind, während sich in Gesellschaft anderer Menschen ein Gefühl einstellt, das sich beschreiben lässt mit: Ich gehöre nicht dazu, ich bin anders als die anderen, ich fühle mich unverstanden und verstehe die anderen meist auch nicht. Mit anderen zu kommunizieren, zu interagieren gelingt bis zu einem gewissen Punkt, dann fühlen die Betroffenen sich unbegriffen, unerfüllt, frustriert und eben einsam. Sie ersehnen Kontakt und Miteinander, doch auf ihrer Frequenz sendet niemand und die eigene Frequenz wird nicht verstanden.

Viel quälender ist es in solchen Fällen, unter Menschen zu sein als allein und sich doch nicht mit ihnen verbinden zu können, der Außenseiter zu bleiben. Der eine Traurige in einer fröhlichen Gemeinschaft kann ein Lied davon singen, ebenso der Kranke unter Gesunden. Die Beispiele lassen sich fortführen. Anders zu sein unter Gleichen, bringt die wohl schlimmste Einsamkeit hervor, weil ihre Ursache so allgemein ist – die anderen dort und ich hier -, dass sie kaum zu beheben scheint.

Einsamkeit sind wir nicht hilflos ausgeliefert; wir entscheiden, wie wir mit ihr umgehen

Wer seine Einsamkeit darauf gründet, dass etwas oder jemand Konkretes fehlt – ein Mensch, eine Gruppe, die Heimat etc. –, der kann etwas dafür tun, dorthin zurückzukehren. Falls dies nicht möglich ist, weil z. B. die Heimat unzugänglich ist oder Menschen gestorben sind, so bleibt noch der große, aber mögliche Schritt, etwas Vergleichbares aufzubauen. Dabei ist es ungemein hilfreich, sich zu klarzumachen: Im Zustand dieser Einsamkeit sitzen wir nicht nur in diesem Gefühl fest, sondern auch in einer vergangenen Situation. Wir fühlen und führen eine Leere fort, die einmal gefüllt war. Können wir den alten Zustand nicht wiederherstellen, bleibt uns nur, voranzuschreiten im Leben, und zwar so schnell wie möglich, und unser Leben wieder so einzurichten, dass es uns füllt, also unseren Bedürfnissen entspricht.

Wer sich generell einsam fühlt, der hat es nicht so leicht, das Gefühl der Leere zu korrigieren; denn dieser Zustand dauert möglicherweise schon das ganze bisher gelebte Leben, so dass es kaum etwas gibt, was wiederhergestellt werden könnte. Dennoch ist Abhilfe möglich, weil das Gefühl zwar vorgaukelt: Ich bin als einziger anders als die anderen  und die Lebenserfahrung dies bestätigt, aber doch auch täuscht; denn manche andere fühlen sich ebenfalls anders und an diese zumindest können sich Betroffene anschließen.

Die persönliche Erfahrung bestätigt es

Alles Theorie und in der Praxis funktioniert das nicht, meinen Sie? Doch! Ich spreche aus Erfahrung, habe mein Geschwisterkind früh verloren und bin unfreiwillig Einzelkind geblieben, musste als Kind meine Heimat und Freunde verlassen, war jahrelang durch Neurodermitis stigmatisiert und ausgegrenzt, habe in wenigen Jahren durch Tod und Trennung mehr Menschen verloren, als ich glaubte, verkraften zu können. Ich habe, auch durch diese Erfahrungen, ein Anderssein, andere Gedanken und Gefühle über das Leben und andere Wünsche an das Leben entwickelt. Dies spüre ich immer wieder, wenn ich mit Menschen zusammenkomme. Dafür habe ich einen kleinen Kreis von Vertrauten, die mich verstehen und geborgen fühlen lassen. Andererseits habe ich Seiten in mir entwickelt – Freude, Spaß, Leichtigkeit –, die mit der Mehrzahl anderer Menschen mitschwingen und mit leben und mich begreifen lassen: Komplett anders bin ich gar nicht.

An den Ursachen von Einsamkeit können wir wenig ändern, doch sich einsam zu fühlen und es zu bleiben, ist eine Entscheidung. Meine Erfahrung, die vielen Jahre in Einsamkeit und Schmerzen, hat mir gezeigt, dies war keine mir dienliche Entscheidung. Das Leben geht weiter, auch wenn wir an Vergangenem festhalten. Wir können mitgehen. Für jeden von uns gibt es einen Platz und andere Menschen, die für uns offen sind. Einsamkeit kann verhindern, dass wir dies sehen, aber wollen wir dies zulassen?

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