Fremdgehen und warum die Ehe für Fortgeschrittene ist

Fremdgehen gehört naturgemäß zur Ehe oder einer verbindlichen Lebenspartnerschaft, die wir in Teil I und Teil II beleuchtet haben. Der Begriff Fremdgehen zeigt bereits, aus wessen Perspektive das Thema betrachtet wird, nämlich aus der Sicht des oder der „Betrogenen“. Doch es sind mindestens drei Menschen am Geschehen beteiligt, und jede Rolle muss begriffen werden, um das Fremdgehen zu ergründen, das so reizvoll und zerstörerisch ist. Nicht zuletzt zeigt es, wie reif die Beteiligten für die Ehe sind.

Fremdgehen, das setzt eine Ehe oder verbindliche Beziehung voraus und eine dritte Person. Einer der Partner wendet sich emotional und /oder körperlich dieser dritten Person zu. Selten entsteht daraus eine neue tragfähige Verbindung; meistens zerbricht das Dreiergefüge, wenn es auffliegt oder den Reiz verliert, und oft überlebt die Ehe, wenn auch verändert. Der bzw. die Fremdgeher/in und die dritte Person gelten in der Regel als Schuldige, während der oder die Betrogene als bedauernswert betrachtet wird. Die Bewertung von außen folgt damit dem, was das Wort Fremdgehen für uns aussagt: dorthin gehen, wo man nicht sein darf.

Schauen wir uns die Beteiligten genauer an. Der Fremdgeher bzw. die Fremdgeherin können gewohnheitsmäßig unterwegs sein, unterhalten also wiederholt oder sehr lange eine Zweitbeziehung, oder sie lassen sich erstmalig im Laufe der Ehejahre auf jemand anderes ein. Dieser letzte Fall ist tragisch; denn wer ihn erlebt, steht plötzlich in einem mächtigen Spannungsfeld: auf der einen Seite das Bekannte, die Werte, die über lange Zeit geschaffen worden sind, das Verwachsensein mit dem Partner, den Kindern, dem Zuhause, den gemeinsamen Gewohnheiten, und auf der anderen Seite das Fremde, das mit einem Schlag erbarmungslos aufzeigt, was in diesem stabilen Leben vernachlässigt wurde und fehlt und was doch Teil von uns selbst ist: das Abenteuer, die Leichtigkeit, das unkontrollierte Gefühl, das unabsehbare Neue.

Hin und hergerissen zwischen beiden Einflüssen, innerlich zerrissen, weil Beides sein und harmonieren sollte, es aber nicht tut, weil man meint, zwei Menschen zu lieben, es aber nicht darf, wird man zunehmend unehrlich. Man kann weder den einen noch den anderen Weg mit vollem Herzen gehen und genießen, aber schon gar nicht auf einen der Wege verzichten, da sich dies anfühlt, als würde man einen Teil von sich selbst abschneiden. So steuert man unweigerlich auf eine Katastrophe zu und wartet, bis das Schicksal entscheidet, wie sich das Beziehungsleben fortsetzt.

Die Tragik des verboten Verliebten und die Abgebrühtheit des geübten Verführers

Gegen diesen inneren Kampf wirken notorische Fremdgeher/innen wie Leichtgewichte. Sie scheinen alles haben zu wollen, doch nicht den Mut zu besitzen, offen dafür zu kämpfen. Sie halten eine Verbindung aufrecht, der Form oder der Vorteile wegen, und leben Sexualität und Abwechslung anderswo aus. Ganz kontrolliert findet dies statt, niemals würden sie riskieren, dass der Status Quo ihrer Ehe gefährdet wird, niemals sich von Gefühlen mitreißen lassen. Um Liebe geht es ihnen ohnehin nicht; es geht um Macht über das Spiel, die eigene Position und die Rolle der anderen Beteiligten. Den Ausgang dieses Spiels bestimmen sie selbst und überlassen dabei nichts dem Zufall.

Zu diesen beiden Paradebeispielen passen jeweils die anderen Beteiligten: Notorische Fremdgeher haben oft Ehepartner, die sich innerlich oder äußerlich von ihnen abhängig fühlen und lieber ertragen,  dass der Partner / die Partnerin fremdgeht, als sich aufzulehnen und ggf. eigene Wege zu gehen. Auflehnung würde Kampf bedeuten und Eigenverantwortung. Wenige sind dazu bereit, insbesondere, wenn sie es für unwichtig halten, die eigene Sexualität erfüllt zu erleben. So etabliert sich ein Machtgefälle mit den Betrogenen in der Opferrolle. Eine wahrhaftige, also ehrliche und authentische Beziehung haben solche Partner ohnehin nicht zueinander. Wohl können sie sich aber auf gemeinsame Aufgaben einigen, wie z. B. die Kinder zu erziehen oder das gemeinsame Geschäft zu führen.

In ganz anderer Rolle sehen sich die Partner der „Ersttäter/innen“. Sie bekommen nicht nur recht schnell mit, dass sich etwas verändert hat oder aus ihrer Sicht „nicht stimmt“, sie reagieren auch, und zwar meistens, indem sie darauf pochen, dass die Regeln eingehalten werden. Die versprochene Treue wird eingefordert. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Verantwortung für das, was gerne als Ausrutscher bezeichnet wird, wird auf die dritte Person abgewälzt, die in die Ehe oder Beziehung eingedrungen sei. Diese dogmatische Haltung erschwert die Lage der Fremdgeher. Das Dilemma, in dem sie sich befinden, wird umso offensichtlicher: Das Stabile wird starr, das Abenteuerliche fließend, bis Ersteres das fragile Dreiergefüge zerbricht oder Letzteres es wegschwemmt. Die Bedürfnisse der unkontrolliert Verliebten kommen dabei selten zur Sprache. Überwiegend geht es darum, wie die bestehende Form erhalten oder das beschädigte Vertrauen und die angeschlagene Reputation wiederhergestellt werden können. Auf diese Weise umgehen die Betrogenen, sich mit so unangenehmen Themen auseinanderzusetzen, wie den eigenen Ängsten vor Gefühl und enthemmter Sexualität.

Niemand kollidiert zufällig mit einer bestehenden Ehe

Die dritte Person schließlich, die sich mit einer bestehenden Ehe involviert, ist entweder leichtgläubig und idealistisch. Dann fällt sie auf die geübten Lügner und Verschweiger herein und glaubt ihnen, wenn sie ausmalen, dass sie irgendwann ihre Frau oder ihren Mann verlassen oder wie immer ihre Phantasiegebilde aussehen. Solche Menschen glauben, weil sie an die Liebe glauben und nicht erkennen wollen, dass sie es mit deren Gegenpol, der Macht, zu tun haben. Sie hoffen, dass sich der oder die Geliebte für sie und die Liebe entscheiden werde, und werden enttäuscht; denn eine solche Veränderung gehört nicht zu deren Spiel. Werden sie zu oft enttäuscht, werden sie bitter und versagen sich womöglich gänzlich, sich einzulassen. Dabei verkennen sie, dass sie in ungeeigneten Menschen ihre hohen Ideale gesucht haben und dass es Zeit gewesen wäre, die menschliche Realität zu sehen und einen realisierbaren Weg für die ersehnte Liebe zu finden.

Wer sich hingegen auf die Neulinge einlässt, verkörpert oft genau das, was diese in ihnen sehen: Er oder sie ist frei, abenteuerlustig, ungebunden, also auf eine Weise anders als die Norm. Er oder sie fühlen sich in diesen Werten gesehen, geschätzt, begehrt und dies tut ihnen gut. Ihr Manko ist, dass sie oft selbst große Ängste haben, sich verbindlich einzulassen. Dies zieht sie zu Menschen, die dies furchtlos und erfolgreich tun. Sie naschen sozusagen von deren Kuchen. Gleichzeitig können sie sicher sein, dass sie sich auch diesmal nicht werden festlegen müssen; denn gebunden ist der oder die andere ja bereits. Sie werden sicherlich nicht begehrt, um gemeinsam das aufzubauen, was in gleicher Form bereits im Leben der Fremdgeher existiert. Sie werden begehrt für den frischen Wind, den sie bringen, und sie fühlen sich einsam, wenn dieser abgeflaut ist und sie wieder allein dastehen. Statt insgeheim zu hoffen, dass mehr daraus wird, wäre ihnen zu raten, sich den eigenen Wunsch nach Verbindlichkeit einzugestehen und ihn mit Menschen zu leben, die dazu gewillt und frei ist.

Für die meisten Menschen ist die Ehe ein selbst-blindes Versprechen, das fatal enden kann

Wir wissen, dass sich in fast jeder Ehe oder verbindlichen Lebenspartnerschaft mindestens eine/r in das Fremde wünscht, es erträumt und oft auch lebt. Gleichzeitig treten fast alle Menschen in ihre Beziehungen mit dem offenen oder stillschweigenden Versprechen der emotionalen und sexuellen Treue ein. Wie kann es zu diesem Missverhältnis kommen? Wie können so viele betroffen sein, selbst wenn wir die Böswilligen ausklammern, die sich von vornherein Hintertüren offen halten? Nahe liegt, dass den meisten Menschen nicht bewusst ist, welcher Tragweite das Versprechen ist, das sie für den Rest ihres Lebens abgeben. Sie sind sich weder ihrer eigenen Natur gewahr, noch der Polaritäten des Lebens. Sie wünschen sich, dem Eheideal entsprechen zu können, aber sie haben sich mit ihren Bedürfnissen noch gar nicht ausreichend vertraut gemacht, um einschätzen zu können, ob sie diese auch lebenslang bezähmen wollen.

Insofern ist die Ehe kein lebbares Konstrukt für alle und schon gar nicht für Anfänger, sondern sie ist eine Lebensform für Fortgeschrittene, für Menschen, welche die Wechselfälle des Lebens kennengelernt und gemeistert haben und bereit sind, diese hinter sich zu lassen. Menschen, die wissen, wer sie sind, wohin sie im Leben gehen und wie sie sich dafür zu entwickeln haben. Beziehungsweise ist die Ehe für Menschen, die beide als Partner so reif sind, so vertraut mit der menschlichen Natur einerseits und mit dem Wesen der Liebe andererseits, dass sie sich gemeinsam einen weiten Raum öffnen und ihn achtsam erkunden, ohne sich selbst oder gegenseitig zu verurteilen für das, was während ihrer Exkursion ins Leben geschieht. Alle anderen sollten sich vorsichtig und ausgiebig im Leben ausprobieren, statt nach dem Vorbild von Menschen zu heiraten, die ebenfalls nicht reif waren, die Ehe zu leben, sondern sie gegen sich selbst aushielten, darüber krank, unzufrieden, verbittert und einsam wurden, jedoch niemals wahrhaftig liebend.

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