Was meinen wir mit diesen Worten wirklich?

Der Satz Ich liebe Dich ist weltweit und sprachübergreifend gültig: I love you, Je t’aime … Doch sagen und hören wir über diese drei Worte, die sich zu einem Code verselbständigt haben, tatsächlich immer das Gleiche, nämlich Liebe? Dürfen sich Sender und Empfänger über den Inhalt Ihrer Botschaft stillschweigend einig sein? Oder könnten sie aneinander vorbeireden, während sie gleichzeitig glauben, sich zu verstehen?

Hier ist die helle Seite der Medaille, die wir schätzen: Wir sind verliebt und der Moment kommt, in dem zum ersten Mal die drei Worte gesprochen werden. Ich liebe Dich.  Sie bestätigen, was wir schon fühlen; denn wir fühlen uns wunderbar, eins mit allem und nichts kann in unseren Augen schiefgehen. Dies meint der Satz: Ich liebe (und will) Dich – so, wie Du bist! Ich liebe Dich auch, erscheint als einzig mögliche Antwort.

Und später, wenn die Beziehung tatsächlich gehalten und sich gefestigt hat, dann sagt Ich liebe Dich aus: Ich mag Dich noch immer so, wie Du bist, und wähle Dich erneut. Und wieder empfinden wir Bestätigung. Auch zwischen den Generationen werden die drei Worte gesprochen und dann meinen bzw. hören wir: Ich nehme Dich an, so wie Du bist. Oder: Ich stehe hinter Dir, egal, was Du tust. Oder: Ich bin ausgesöhnt mit Dir, egal, was einmal war. 

Immer geht es darum, dass wir zweifelfreie Akzeptanz kommunizieren und damit ein Gefühl auslösen, das entspannt, weil es uns gibt, wonach wir uns im Innern sehnen: den Frieden, so sein zu dürfen, wie wir sind.

Wahre und verwechselte Liebe gilt es zu unterscheiden

Doch wie oft erleben wir dies? Denn da ist auch die Schattenseite der Medaille: Die Worte verändern sich nicht, wohl aber ihre Botschaft. Sind wir Empfänger dieses Ich liebe Dich, hören oder lesen wir etwas, das sich gut anfühlen sollte, es aber nicht tut. Wir haben ein mulmiges Gefühl oder fühlen uns bedrängt, der andere möge mehr von uns wollen, als wir zu geben bereit sind. Die Liebe wäre in diesem Fall einseitig.

Wahrscheinlicher ist, dass der Sender seine eigenen Gefühle mit Liebe verwechselt. Dann wird unter der offenbarten Botschaft eine weitere liegen, z. B.: Ich brauche jemanden wie Dich, um mich gut zu fühlen. Ich habe Dich ausgewählt, mir meine Bedürfnisse zu befriedigen. Ich will Dich sexuell erleben, Herzensinteresse an Dir habe ich nicht. 

Diese Wünsche werden mit einer egoistischen Einstellung verfolgt: Ob Du mich magst, ist nebensächlich, ich will meine Wünsche an Dich durchsetzen. Eventuell gebe ich erst Ruhe, wenn Du nachgegeben hast. Oder ich ziehe mich verletzt zurück, damit Du ein Schuldgefühl bekommst und daran leidest oder mir doch noch zu Willen bist. 

Für den Empfänger bedeutet dies, dass er zwar Worte hört, die im Allgemeinen, also auch in seinem Verständnis positiv belegt sind, dass sein Bauchgefühl aber dagegen grummelt. Dadurch fühlt er oder sie sich in einem Widerspruch.

Bedürftigkeit führt letztlich ins Leere

Was spielt sich beim Sender ab? Er oder sie fühlt sich hingezogen, möchte Nähe, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Bestätigung, Intimität, Sex etc. und meint möglicherweise selbst, dass dies Liebe sei. Er oder sie nimmt dieses Gefühl als drängende Bedürftigkeit wahr: Nur dieser auserwählte Mensch kommt für mich in Frage, sonst sterbe ich oder wenn ich ihn / sie jetzt nicht bekomme, werde ich verrückt, lauten die bewussten oder unbewussten Gedanken dahinter. Nicht selten will die fehlende oder fehlgeleitete Zuwendung der Eltern kompensiert werden.

Nur diejenigen, die sich des Widerspruchs bewusst sind zwischen der fehlenden Liebe und der Aussage der Liebesbotschaft, können diese berechnend einsetzen, um bei anderen Zuneigung oder „Gegenliebe“ zu provozieren. Meist sind die Betroffenen selbst ahnungslos, was die Qualität ihrer Gefühle betrifft, und so erliegen sie einem Irrtum: Ihre Angst vor Einsamkeit, Verlust oder Trennung lässt sie immer stärker kämpfen für das, was sie erlangen möchten. Damit verlieren sie am Ende; denn die Nachgiebigkeit des Gegenübers wird einmal enden, wenn dessen anfängliches Bauchgefühl zu deutlicher Erkenntnis gereift ist und Fluchtgedanken produziert.

Liebe hat jenes Kämpfen um einen Menschen nicht nötig, der in eine andere Richtung strebt. Liebe kennt keine Angst. Sie ist sich ihrer selbst sicher, lässt kommen und gehen, besteht dauerhaft, egal, wie sich die äußere Form verändern mag. Liebe ruht in sich und würde ein Nein schmerzfrei akzeptieren und sich weiterhin freudig verströmen. Sie ist so wunderbar, wie sich die drei Worte Ich liebe Dich anfühlen, wenn sie von Herzen zu uns gesprochen werden.

Wahrhaftige Liebe ist möglich

Was ist zu tun, vor allem für jene, die Liebe in sich und von anderen noch nicht erfahren haben? Liebe ist hier. In jedem von uns. Immer. Sie mag uns unerreichbar erscheinen, wenn wir nicht verliebt sind; denn Menschen wie Situationen anzunehmen ohne Widerspruch und ohne Bedingung ein Ja zu fühlen im Herzen, das will dem Kopf nicht einleuchten.

Doch es ist möglich, indem man sich in die Natur der Dinge, der Menschen wie der Situationen hinein entspannt und fühlt, dass sie in diesem Moment nur diesen einen Ausdruck haben, nur dieses eine Verhalten zeigen können. Zu fühlen, dass zunächst nichts zu tun ist, als die Dinge sein zu lassen, wie sie sind, entspannt zutiefst. Jegliches Kämpfen dagegen verursacht Leid. Und wem es nicht gleich gelingt, der hat die Chance, sich Situation für Situation hin zur Liebe zu entwickeln, hin zu: Ich liebe mich und alle anderen.

Aus der Bedürfnisbefriedigung kann Liebe werden, sobald wir zuerst den Unterschied erkennen zwischen Bedürfnis und Liebe, sodann die Hindernisse in uns selbst aus dem Weg räumen, die wahrhaftiger Liebe im Weg stehen, und schließlich erleben, wie die Liebe uns und alle Beteiligten erfüllt.

Den Unterschied zwischen Liebe und Bedürfnis zu erkennen, ist ein Entwicklungsschritt, der im Bewusstsein vollzogen wird. Ab jetzt sollte ein als falsch empfundenes Ich liebe Dich weder geäußert noch unkritisch empfangen werden können. Die Hindernisse zur Liebe können in den meisten Fällen erfolgreich durch Therapie beseitigt werden. Und die innere Erfüllung durch Liebe muss schließlich jeder selbst erfahren, um deren Bedeutung zu erfassen.

Von diesem Punkt zurückschauend, hat sich jeglicher Weg dorthin gelohnt; denn etwas Wertvolleres, als von dem Ich liebe Dich durchflutet zu sein und dieses Fluten mit anderen zu teilen, gibt es in der menschlichen Erfahrung nicht.

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