Ob wir Respekt zeigen oder nicht, ist eine Frage unserer Einstellung

Respekt verstehen wir oft als eine Frage der Form, der gewahrten Form. Doch ob sich ein Mensch respektvoll oder respektlos seiner Umwelt gegenüber zeigt, gründet sich auf ganz andere Ursachen. Und wirkt sich auf das Miteinander und unsere Konflikte aus.

Jedes in den Augen der Allgemeinheit korrekte Verhalten beruht auch auf der Kenntnis dessen, was ein solches Verhalten ausmacht. Kulturelle und gesellschaftliche Verschiedenheiten verursachen manch unbeabsichtigte Entgleisung. Während es in Europa beispielsweise selbstverständlich ist, sich die Nase mit dem Taschentuch zu putzen, ist dies in Asien ein ausgemachter Fauxpas. Die dort übliche Alternative empfinden wir Europäer als höchst unfein. Solche Beispiele lassen sich fortführen.

Damit erschöpft sich das Thema Respekt jedoch nicht. Auf der persönlichen Ebene betrachtet, beginnt es vielmehr erst jenseits der Form. Denn wir fühlen uns nicht dann in der schlimmsten Weise respektlos behandelt, wenn ein Mensch in unserer Gegenwart die guten Sitten verletzt. Am tiefsten trifft es uns, wenn sich jemand gezielt uns gegenüber achtlos verhält, wenn wir also persönlich, im Gegensatz zu meist allen anderen, missachtet oder schlechter behandelt werden. Dies tut weh. Jeder kennt es. Doch worin gründet der Schmerz?

Wir fühlen uns wertlos, bedeutungslos und fragen, wie der oder die andere nur so etwas mit uns tun kann: eine wichtige Entscheidung über unseren Kopf hinweg fällen, eine vorherige Absprache ignorieren, eine Verabredung vergessen, uns bloß stellen vor anderen, unsere Bedürfnisse übergehen usw. Warum tun Menschen so etwas? Welcher Gesinnung bedarf es dafür?

Individuelle Respektlosigkeit ist für Betroffene am schlimmsten

Dass ein Mensch auf welche Weise auch immer über einen anderen Menschen hinweggeht, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse über seine zu stellt, gründet sich auf die innere Wahrnehmung einer Hierarchie: Ich darf dies, weil ich mehr wert bin als Du. Anders ausgedrückt: Du hast einen Makel und ich nicht und dieser Unterschied berechtigt mich, Dich missachtend zu behandeln. Oder: Du bist nicht wichtig für meine Welt, ich habe es daher nicht nötig, mich Dir gegenüber korrekt zu verhalten.

Solche Hierarchien werden oft am Status eines Menschen festgemacht: an der gesellschaftlichen oder beruflichen Position, am Einkommen und Vermögen oder an der Herkunft, Rasse, Religion oder dem Geschlecht. Die menschliche Geschichte wird bestimmt von der Unterdrückung von Gruppen durch Gruppen, die sich auf solche Kriterien stützt. Und die Einzelschicksale ereilt das Gleiche: Ich bin der Chef, bin erfolgreicher als Du, ich sehe besser aus, habe mehr Geld oder ich bin „spirituell“ weiter entwickelt als Du und in jedem Fall habe oder nehme ich mir die Macht, etwas zu tun, das Dich fühlen lässt, wo Du stehst. Und dies tut weh.

Wir alle haben – bewusst oder unbewusst – solche Hierarchien verinnerlicht. Läuft das Leben glatt und geht es allen gut, mögen sie schlummern. Doch sobald ein Verteilungskampf beginnt, brechen die Hierarchien auf. Fragen Sie sich selbst einmal, ob für Sie wirklich alle Menschen gleich sind und ob es in Ihrem Umfeld niemanden gibt, über den Sie sich erheben und ggf. hinwegsetzen mit der Begründung: Er ist nur …, sie hat nur … Sie werden sicherlich fündig werden. Dabei läuft Folgendes ab: In unserem Kopf setzen wir einen Menschen oder eine Gruppe im Vergleich zu uns selbst herab. Wir empfinden folglich Geringschätzung gegenüber diesen Menschen. Schließlich erlauben wir uns, respektlos ihnen gegenüber zu handeln, und tun dies auch.

Innere Hierarchien führen zu mangelndem Respekt

Was wir stattdessen brauchen, um uns respektvoll nicht nur gemäß der Form, sondern auch gemäß dem Inhalt zu verhalten, ist ein echtes Liebesgefühl. Wir müssen begriffen haben, und zwar nicht nur intellektuell, sondern im Herzen, dass Menschen gleichwertig sind und Achtung verdienen, egal wer sie sind und was sie haben. Neu ist diese Erkenntnis nicht, aber aktuell; denn handeln tun die meisten Menschen nicht nach ihr. Dennoch kann sich jeder innerlich aufhalten, wenn er oder sie sich mit dem Gedanken: Mit ihr/ihm kann es ich machen, das Okay zu respektlosem Verhalten erteilen will. Die ebenfalls alte Frage hilft dabei: Wie würde mir dies gefallen? Und ergänzend: Bin ich mit mir selbst zufrieden, wenn ich dies tue?

Besonders delikat und zum Üben für Fortgeschrittene geeignet sind jene Fälle, in denen wir Menschen, die in unseren Augen eigentlich Respekt verdienen, diesen absprechen, weil sie ihn selbst durch bestimmtes Verhalten verwirkt haben – so unser Denken. Delikat ist hieran, dass wir uns selbst als grundsätzlich respektvoll ansehen und dem anderen die Schuld geben, weshalb er im Moment keinen Respekt verdiene, so dass wir uns keinen Vorwurf zu machen brauchen: Hättest Du nicht dies oder jenes getan, hätte ich Dich respektvoll behandelt. So aber musst Du verstehen, dass Du Dein Recht auf Respekt, sprich: auf ein korrektes Verhalten meinerseits, verwirkt hast. Dies ist ein Irrtum und eine Rechtfertigung für unrechtes Verhalten; denn das Recht auf Respekt liegt begründet in der Würde des Menschen, und diese darf von keinem anderen Menschen genommen oder missachtet werden kann. Sie kann auch nicht selbst verwirkt werden; denn sie liegt jenseits unseres Einflussbereichs und ist unser Netz, egal, welches menschliche Fehlverhalten wir an den Tag legen.

Nicht den eigenen Emotionen freien Lauf zu lassen und Unrecht oder Entgleisung mit Respektlosigkeit zu vergelten, sind Sinn und Ziel, sondern respektvoll gegenüber jedem Menschen zu bleiben und Konflikte sachlich und auf liebevoller Augenhöhe zu klären. Nur so ist es möglich, mit sich selbst, den anderen und dem Prinzip der Liebe im Reinen zu sein. Wenn wir dagegen Liebe an Bedingungen knüpfen, machen wir die Welt zu einem lieblosen Ort. Wenn wir darüber hinaus Respekt an Bedingungen knüpfen, machen wir die Welt zu einem Ort der Willkür und der Herrschaft der Mächtigsten.

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