Ist Vertrauenswürdigkeit nur eine Frage des Charakters?

Ob wir einem Menschen vertrauen, machen wir üblicherweise von dessen Charakter abhängig. Wir schätzen jemanden als vertrauenswürdig ein, wenn wir keine Anzeichen für bösartiges, heimtückisches oder ähnliches Verhalten erkennen. Doch ist Charakterstärke die einzige und wahre Begründung dafür, Menschen als vertrauenswürdig einzustufen? Und wenn nicht, worauf gründen wir unser Vertrauen und Misstrauen dann?

Worum geht es beim Vertrauen? Wir möchten uns selbst und das, was wir uns zuordnen, bei anderen gut aufgehoben und von ihnen gut behandelt wissen. Da kann es um persönliche Informationen gehen, die wir anvertrauen. Oder um unser intimes Inneres und Äußeres, das wir anderen eröffnen. Oder um unser Hab und Gut, das wir in anderer Hände legen. Wer anderen etwas anvertraut, erweitert seinen Verantwortungsbereich auf sie und überträgt ihnen beträchtliche Mitverantwortung an diesem „Etwas“. In jedem Fall erwarten wir, dass mit unseren Anteilen in unserem Sinne umgegangen wird, und oftmals besprechen wir sogar, wie dieser Umgang aussehen soll. Wenn dann doch geschieht, was wir vermeiden wollten, fühlen wir uns verletzt und schlussfolgern: Du warst es nicht wert, mich oder etwas von mir Dir anzuvertrauen.

Wovon hängt es nun ab, ob ein Mensch vertrauenswürdig ist? Lassen Sie uns zunächst einen Blick auf den Charakter werfen. Wenn Sie die Menschen um sich herum betrachten oder, falls Sie so bewusst sind, einen Blick auf sich selbst werfen, dann erkennen Sie an beinahe jedem kleine Schwächen: Der eine nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, die andere ist geizig, wiederum jemand anderes ist zu bequem, zu respektlos oder zu unorganisiert, um pünktlich zu sein. Es sind diese kleinen Schwächen, die uns bei anderen Menschen missfallen, mit denen wir uns aber arrangieren, wenn der Rest stimmt, wenn also beispielsweise der Flunkerer ein großes Herz hat, die Geizige eine gute Zuhörerin ist und wenn, wer stets unpünktlich ist, die verlorene Zeit durch umso bessere Gesellschaft wettmacht. Wir selbst können, wenn wir unsere Schwäche(n) einmal entdeckt haben, diese nicht nur akzeptieren, sondern sie hinterfragen, begreifen und uns verändern.

Kleine Charakterschwächen beeinträchtigen unser Vertrauen kaum

Haben wir es dagegen mit schweren charakterlichen Mängeln zu tun, schaden wir uns selbst, wenn wir versuchen uns zu arrangieren. Richtiger ist es, das Weite zu suchen. Haben Sie also in Situationen ein alarmierendes Bauchgefühl, wenn Sie zum Beispiel mit einem windigen Finanzdienstleister über riskante Anlageoptionen sprechen, wenn Sie auf eine bedrohlich wirkende Menschengruppe in einem verlassenen Park zugehen, wenn Sie eine neue Freundschaft schließen und erleben, dass Ihre vertraulichen Erzählungen zu anderen Ohren weiterfließen, wenn Sie eine Frau kennenlernen, die Sie zwar äußert sexy finden, die Sie aber ungern allein in Ihrer Wohnung ließen, dann, wie auch in ähnlichen Fällen, vertrauen Sie sich selbst. Denn wahrscheinlich haben Sie es mit Charakteren zu tun, die Ihnen Übles wollen – um des eigenen Vorteils willen.

Doch statt kleiner oder großer Charakterschwächen kann Ihnen von anderen Menschen und sogar Tieren ein scheinbar ähnliches und doch anders zu erklärendes Verhalten entgegenkommen. Wie oft ist Ihnen dies schon passiert: Sie schätzen einen Menschen wegen seiner guten Eigenschaften. Sie vertrauen ihm oder ihr. Und dann geschieht etwas Unerwartetes und Sie fühlen sich in Ihrem Vertrauen bitter enttäuscht. Nun zweifeln Sie am Charakter der „Vertrauensperson“ und meinen, Sie müssten sich mit Ihrer Einschätzung getäuscht haben. Doch stimmt dies oder täuschen Sie sich eher in Ihren Schlussfolgerungen?

Plötzlicher Vertrauensbruch trifft uns am härtesten

Lassen Sie mich Ihnen dazu eine kurze Geschichte erzählen: Als ich zum ersten Mal für längere Zeiträume eine Unterkunft in Berlin suchte, vermittelte mir meine Tante den Kontakt zu einer älteren Dame, ihrer früheren Arbeitskollegin. Diese mochte mich sofort, was auf Gegenseitigkeit beruhte; sie war höflich, hilfsbereit, korrekt in finanziellen Dingen und eine interessante Gesprächspartnerin. Ich zahlte eine angemessene Aufwandsentschädigung für Ihr Apartment und hatte, wenn ich es brauchte, ein Dach über dem Kopf. Beinahe wurden wir Freundinnen, über den Altersunterschied hinweg. Ihr Leben war nicht einfach verlaufen, hatte Spuren hinterlassen, doch nichts deutete auf einen so genannten schlechten Charakter hin. Und dann geschah Folgendes: Während meiner Abwesenheit nutzte eine gute Freundin dieser Dame das Apartment und beschädigte aus Versehen den wertvollen Schrank. Von diesem Arrangement wusste ich nichts und reagierte irritiert. Die Dame war aufgebracht über den Ärger, den sie nun hatte: der Schrank, der zu reparieren war, Erklärungen, die gegeben, und Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Sie entschied blitzschnell, niemanden mehr in ihrem Apartment wohnen zu lassen, und verweigerte mir fortan jeglichen Kontakt. Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen und ungerecht behandelt, betrauerte die verlorene Wohnmöglichkeit, und erst, als ich mich beruhigt hatte, verstand ich.

Diese Dame fühlte sich selbst verletzt und überfordert, mit der Situation so umzugehen, dass sie allen gerecht würde. Sie wollte weder mir noch ihrer alten Freundin etwas Böses tun. Vielmehr waren wir ihr, nach ihrer Wahrnehmung, böse und dies steigerte ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung. Tatsächlich hatte ich nur gefragt, ob meine im Apartment verbliebenen Sachen auch beschädigt seien. Für sie waren meine Worte Kritik an ihr, an ihrer Freundin und ihrem Verhalten, ebenso wie sie den beschädigten Schrank als persönliche Verletzung nahm. Der Vorfall aktivierte ihr Stammhirn, sie fühlte sich angegriffen und bewertete die Situation für sich als bedrohlich. In dieser zwar nicht realen, aber von ihr wahrgenommenen Lebensgefahr wählte sie zu kämpfen und holte zum Gegenschlag aus, indem sie uns vor die Tür setzte. Um dafür nicht gerade stehen zu müssen, floh sie im Anschluss aus dem Kontakt.

Die „Fight or Flight Response“ kann einem Vertrauensbruch ähneln

Was nach einem Vertrauensbruch aussieht und uns mit der Frage stehenlässt: Wie konnte er oder sie mir dies antun?, ist tatsächlich keine Charakterfrage, sondern die prähistorische Antwort der Amygdala auf eine als lebensbedrohlich interpretierte Situation. Es ist deren Aufgabe, unser Leben gegen Gefahren zu schützen. Dieser Mechanismus läuft auch heutzutage in unserem Gehirn ab und tut dies sogar, wenn die Gefahr, objektiv betrachtet, von Lebensbedrohung weit entfernt ist. Das subjektive Empfinden entscheidet; für Tatsachenüberprüfung bleibt keine Zeit, so wie zu Urzeiten keine Zeit blieb, im Busch nachzusehen, ob tatsächlich ein Tiger darin lauerte. Und so stehen wir immer wieder im Leben perplex da und fragen uns, woher nur dieses seltsame Verhalten komme, das so gar nicht in das Bild passt, das wir uns von unserem Gegenüber gemacht haben.

Solche Reaktion trifft uns unvorbereitet und insofern am härtesten; denn wir sind verantwortlich nur im Sinne der Kausalität, aber unschuldig hinsichtlich der Absicht zu gefährden. Kennen wir einen Menschen besser und wissen, auf welche vermeintlich gefährlichen Reize er oder sie mit der „Verteidigung des eigenen Lebens“ reagiert, können wir manche Eskalation umschiffen. Beim ersten Mal jedoch brauchen wir ein ausgeprägtes Gespür oder eine aktive innere Stimme, der wir folgen, wenn sie uns anweist, wie wir uns verhalten sollten. Im Beispiel hätte ich mir die Frage nach der Beschädigung meiner Sachen besser verkniffen und Mitgefühl für den beschädigten Schrank geäußert. Der Preis dafür, dies nicht zu tun, war hoch: mein damaliges Berliner Nest. Auch wenn der Charakter meiner Vermieterin hier keine Hauptrolle spielte, meinem Interesse an einer zuverlässigen Bleibe hatte sie ab dem kritischen Zeitpunkt ihr Wohlwollen entzogen.

Und wir selbst schließlich, die wir ebenfalls ein aktives Stammhirn besitzen und schon manche Kampf- oder Fluchtantwort gegeben oder uns auch totgestellt haben, bis der Sturm vorüber war, haben die Möglichkeit, unser Gehirn zu trainieren, damit statt des Stammhirns der Cortex übernimmt, wenn wir in herausfordernde Situationen geraten. Wir würden mit seiner Hilfe fähig zu einer besonnenen, der Situation angemessenen Reaktion. Denn auch wir verlieren durch prähistorische Reaktionsmuster, so wie meine Gastgeberin verloren hat: eine sich entwickelnde Freundschaft mit mir, die regelmäßige Aufwandsentschädigung für ihr Apartment und das ungetrübte Miteinander mit ihrer alten Freundin. Je bewusster wir mit äußeren Einflüssen und unserer Reaktion auf sie umgehen, je entspannter wir innerlich sind, sobald Unerwartetes auf uns eindringt, desto besser können wir Absichten manifestieren, die uns mehr als überleben lassen, nämlich uns in Fülle und Erfüllung leben lassen – es ist dies, was wir heute lebenswert nennen.

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